Mit IN HER HANDS: BILDHAUERINNEN DES SURREALISMUS zeigt die sehr sehenswerte Ausstellung noch bis 1. Juni 2025 vor allem plastische Arbeiten – sowie Einblicke in die bewegten und bewegenden Lebenswege – von Sonja Ferlov Mancoba, Maria Martins und Isabelle Waldberg.
Wieder ein Puzzleteil zugunsten weiblicher Künstler, das die männlich dominierte Kunstgeschichtsschreibung, ergänzt! Zu entdecken gibt es drei Bildhauerinnen, die in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts europaweit und international wirkten, mindestens in ihren Herkunftsländern bekannt waren, jedoch in Deutschland nahezu unbekannt sind.
Etwa 100 Skulpturen und Plastiken, daneben Gemälde, Collagen und Zeichnungen, aus den 1930er- bis 1970er-Jahren werden auf den rund 800 m² gezeigt.
Die charakteristische organische Formensprache der Dänin Sonja Ferlov Mancoba (1911–1984) war stark von außereuropäischer Kunst, aber auch von der Künstler:innengruppe CoBrA beeinflusst. Und sie war 1948 eng eingebunden in die Diskussionen und Planungen um die Gründung von CoBrA. 1949 bemühte sich Asger Jorn intensiv, aber vergeblich, Sonja Ferlov und Ernest Mancoba in eine Ausstellung der Gruppe CoBrA aufzunehmen. Ob sexistische oder rassistische Gründe vorherrschten, ist wohl nicht eindeutig geklärt. Wie im Ausstellungsrundgang mit der Kunsthistorikerin vermittelt wird, sind es jedoch deutlich rassistische Intoleranzen, die 1952 dazu führen, dass das Ehepaar aus Dänemark weg und zurück nach Frankreich geht. 1940 war Sonja Ferlov nach Paris gegangen und verblieb wohl als einzige dänische Künstlerin die Kriegsjahre dort — denn im gleichen Jahr wurde Ernest Mancoba interniert und blieb bis zum Kriegsende in Gefangenschaft. (1942 heirateten die beiden im Lager La Grande Caserne.) Sonja Mancoba arbeitet in dieser schweren, sehr von Armut geprägten Zeit intensiv an ihrem bedeutenem Werk „Skulptur 1940-46“. Wie es der Surrealismus wollte, schuf sie von Beginn an auf intuitive Weise ihre masken-, helm- oder naturgebundene Wesen aus Ton und Gips, später auch in Bronze.
Die brasilianische Bildhauerin Maria Martins (1894–1973) kombinierte in ihren Objekten die Mythen Amazoniens – für ihren gehobenen Status sehr ungewöhnlich – mit der Formensprache der Moderne.

Und Isabelle Waldbergs (1911–1990) facettenreiches Œuvre reicht von filigranen linearen Strukturen aus Buchenholz über abstrakte Bronzeskulpturen bis hin zu Collagen.
Die drei Bildhauerinnen waren Teil der internationalen Avantgarde in Paris vor dem Zweiten Weltkrieg, Martins und Waldberg außerdem ab 1942 in New York aktiv. Sie gehörten zum Kreis um Marcel Duchamp, Alberto Giacometti, Piet Mondrian und Peggy Guggenheim.

Wer sich mit künstlerischen Nachlässen beschäftigt weiß, wie interessant die Frage ist: Welchen Umgang hatte die Künstlerin/der Künstler selbst mit ihren/seinen Werken?
Umso schöner ist die hiesige Auseinandersetzung und gelungene Inszenierung der Werke in einem für das Bucerius neu erprobten Raumkonzept: Die Fenster sind geöffnet und lassen das Tageslicht in die Ausstellung, zum ersten Mal im neuen, seit 2020 bestehenden Gebäude des Bucerius Kunst Forums: Darüber hinaus wird der gesamte Rundgang ohne Wände gestaltet und Vorhänge fungieren als Raumtrenner – ein Element, das in surrealistischen Ausstellungen eingesetzt wurde.

Museum Jorn, Silkeborg / VG Bild-Kunst, Bonn 2024
Dieses, dem Leben nachempfundene, Konzept ist eher selten, wenngleich die Werke natürlich auf Sockeln präsentiert werden, um sie umfassend betrachten zu können. (Die Sockel sind zugunsten der leichten Zuordnung jeweils auf andersfarbigen Sockeln gruppiert.) Übrigens: Nach der Ausstellung wird es eine Sockelversteigerung geben!
Die Arbeiten aller drei Künstlerinnen geraten recht gelungen in eine dialogische Gegenüberstellung. Vor allem sind ihr jeweiliger Umgang mit den Materialien innovativ gewesen, „intensive, sinnliche und geistige Auseinandersetzungen mit den Werkstoffen spiegelt sich in der Gestaltung von Linien, Volumina, Räumen und Ausdrucksgesten ihrer Objekte wider. Die skulpturalen Ensembles lassen die Betrachtenden unmittelbar in die Bildwelten der Künstlerinnen eintauchen, in denen überraschende Verbindungen zur Ästhetik gegenwärtiger Formen in Popkultur, Design und Film zu entdecken sind.“ Inwieweit also waren surrealistische Bewegungen Wegbereiter für aktuelle Phänomene?
Möglicherweise erwecken die Kuratorinnen, die sich mit den weiblichen Œuvres beschäftigen auch sinnlichere Inszenierungen?
Kuratorinnen sind Katharina Neuburger und Renate Wiehager, Kuratorin Inhouse: Kathrin Baumstark; zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Keine Schließzeiten: Die Ausstellung ist täglich 11:00 bis 19:00 Uhr geöffnet, donnerstags bis 21 Uhr. Vielfältige Veranstaltungen wie Lesungen, Tandemführungen und Angebote für Familien finden sich auf buceriuskunstforum.de/veranstaltungen
Bucerius Kunst Forum gemeinnützige GmbH
Alter Wall 12, 20457 Hamburg
Text: Jana Noritsch